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Konzerttermin:
Samstag, 30.10.2010, 20:00 Uhr
Köln, Philharmonie

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Warnrufe aus dem Jenseits

Das „War Requiem“ von Benjamin Britten

 

Mein Thema ist der Krieg und das Leid des Krieges. Die Poesie liegt im Leid... Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist: Warnen. Dieses Zitat Wilfried Owens, das der passionierte Pazifist Benjamin Britten auf die Titelseite seines rund anderthalbstündigen „War Requiems“ schrieb, fasst den Grundgedanken jenes Werks zusammen, das der gebürtige Brite 1961 aus Anlass der Einweihung der wiedererbauten Kathedrale von Coventry komponiert hatte. Nicht nur die Kirche, sondern auch ein Großteil der Stadt war in der Nacht des 14. November 1940 durch einen deutschen Luftangriff nahezu dem Erdboden gleichgemacht worden.

Schon während der Komposition seines „War Requiems“, in dem Britten den lateinischen Messetext mit Gedichten des englischen Lyrikers Wilfried Owen kombinierte, war sich der Tondichter der großen Bedeutung seines neuen Chorwerks bewusst. So äußerte er gegenüber dem Sänger Dietrich Fischer-Dieskau: „Was ich schreibe, wird wohl eines meiner wichtigsten Stücke werden. Diese großartige Lyrik, voller Hass auf die Zerstörungswut, bildet eine Art Kommentar zum Requiem. Natürlich erscheint sie in englischer Sprache.“

In der Tat stehen die Totenklage und die Erlösungsbitte des tradierten Requiemtextes auf der einen und jene die Greuel und das Grauen des Krieges anprangernden Texte Owens auf der anderen Seite in scharfem, fast blasphemischem Kontrast zueinander, der auch auf musikalischer Ebene rigoros aufrechthalten wird. Während der traditionelle lateinische Text von Sopran-Solistin, gemischtem Chor, Knabenchor, großem Orchester und Orgel zum Vortrag kommt und die unvorstellbare Dimension des Jüngsten Gerichts beklagt, sind die Antikriegs-Gedichte jenes Lyrikers, der selbst im Alter von nicht einmal 25 Jahren sein Leben im Ersten Weltkrieg lassen musste, für Tenor- und Bariton-Solo in Begleitung eines nur zwölf Instrumentalisten umfassenden Kammerorchesters gesetzt. Die beiden Männerstimmen sinnieren als imaginäre Stimmen der Gefallenen über die unfassbare Grausamkeit des Krieges. Gehört auch dieser gewaltsame Wechsel der verschiedenen Klangebenen zum wohl wichtigsten stilbildenden Merkmal des „War Requiems“, so finden sich mit dem quasi leitmotivisch eingesetzten Tritonus-Intervall und mit der Verwendung von Totenglocken auch Elemente, die diese gegensätzlichen Sphären miteinander verbinden. Bei der feierlichen Wiedereinweihung der Kathedrale am 30. Mai 1962, die ganz im Zeichen der Völkerversöhnung stehen sollte, vergab Britten die männlichen Hauptrollen an Peter Pears und Dietrich Fischer-Dieskau – und damit sinnfälligerweise an Vertreter jener Nationen, die sich zwanzig Jahre zuvor bekriegt hatten. Dieses Chorwerk, das Britten vier seiner im Krieg gefallenen Freunde gewidmet hatte, hinterließ nicht nur bei der Zuhörerschaft einen überwältigenden Eindruck. Auch der mitwirkende Solist Fischer-Dieskau war tief ergriffen von jenem Meisterwerk, für dessen neuerliche Darbietung es nicht erst seit dem 11. September diesen Jahres wieder traurigen Anlass genug gäbe: „Die Aufführung schuf eine so dichte Atmosphäre, dass ich zum Schluss innerlich völlig aufgelöst war und nicht wusste, wo mein Gesicht verstecken. Die gefallenen Freunde standen auf und die vergangenen Leiden.“

Annett Reischert-Bruckmann

 

„erschienen in: CANTATE. Zeitschrift für Chormusik (www.cantate-online.de)